No night in the victims bog. The invention of the instrumentalization.

No night in the victims bog. The invention of the instrumentalization.

No night in the victims bog. The invention of the instrumentalization.

Die Frage nach dem, wer wir sind, ist eine Frage nach Erinnerung, Selbst und Erfahrung. Mittels der projektive Kraft der Wahrnehmung verfangen wir uns allerdings wieder und wieder in unseren eigenen Vorstellungsbildern und gestalten zerbrechliche Fiktion und Mythen vom eigenen Selbst. Lassen sich diese Grenzen der Erkenntnis mit der Molekularforschung überwinden?

Im Vertrauen auf neue Techniken und Methoden der Naturwissenschaft inszeniert Flaut M. Rauch mit Hilfe der Nanotechnologie den Blick in die Welt der ganz kleinen Dinge und geht auf die Suche nach dem eigenen Selbst. So wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Microsystemtechnik in Freiburg ein Waver entwickelt, mit der Flaut M. Rauch das Geheimnis der menschlichen Doppelhelix erforscht, aber auch seine eignen Erinnerungen an eine Zeit, in der er der Schulmedizin ausgesetzt war, untersucht. Auf dem Waver sind Worte „Vertraue und glaube, es hilft und heilt die göttliche Kraft“ in Nanogröße eingebrannt, die sich mit dem menschlichen Körper verbinden sollen. Lässt sich der Körper mit diesen Worten dienstbar machen, lässt er sich instrumentalisieren?

Die Ausstellungsinstallation besteht des Weiteren aus Glasskulpturen, Malereien, Fotos und Videos.

Im Vertrauen zur Wissenschaft erforscht Flaut Rauch seine DNA sowie seine Erinnerungen an eine Zeit, als er der Schulmedizin ausgesetzt war.

Im Institut MicroSystem Technik in Freiburg wurde für Flaut Rauch nach seinen Anweisungen ein Waver angefertigt. Auf dem Waver sind Worte in Nanogrösse eingebrannt, die sich mit dem menschlichen Körper verbinden sollen. Die Installation besteht des weiteren aus Glasskulpturen, Malereien, Fotos und Videos.“ No night in the victims bog.The invention of the instrumentalization”

ist eine Ausstellung einer analytischen wissenschaftlich Untersuchung einer geprägten Erinnerung mit zeitbasierten Medien.

Text: Katrin Rost

 

 

 

Über der Ausstellung liegt eine Melodie, aus wenigen Tönen gebildet, mit offenem Mund gesummt. Sie gibt den beiden Räumen eine meditative Atmosphäre. Aber das ist von vornherein, noch ohne das zugehörige Videobild gesehen zu haben, zwiespältig; denn eine hörbare, sachliche Konzentration auf Rhythmus und Intonation vermittelt gleichzeitig, dass es auch um eine analytische Wahrnehmung der Tonfolge geht. Tatsächlich geht Rauch in seiner Schau beide Wege, analytische und meditative, gleichzeitig. Er zerlegt sich und die Welt und erschließt dabei Muster, die sich überschneiden und in die man sich versenken kann, so dass man von ihnen umgeben ist wie von Sternbildern, die etwas bedeuten.

Die Melodie gehört zum Video „My DNA", und es ist hier eine Fragmentlängenanalyse von Rauchs individuellem genetischen Material, dargestellt in Notenschrift, in die er sich summend versenkt. Das Videoporträt im Brustbildformat reduziert ihn als Performer auf diesen Akt: Ich singe meine DNA.

Die Aneignung naturwissenschaftlich-technischer Methoden kennzeichnet auch ein Projekt, das Rauch mit Hilfe des Instituts für Mikrosystemtechnik in Freiburg verfolgt. Dort befinden sich Folien für sogenannte Wafer (Träger für u.a. Chips) in Entwicklung, deren Materialstärke schließlich in einem derart geringen Nanobereich liegen soll, dass sie unsichtbar an andere Oberflächen anhaftbar sind. Solche Folien möchte Rauch als Schriftträger verwenden, mit denen sich dann Information unsichtbar auf die Haut aufstreichen ließe. Einstweilen ist der in einer Stele aus Laborglas ausgestellte Prototyp von deutlich höherer Materialstärke, und auch die Schrift, die hell in seine dunkelviolett schimmernde Oberfläche eingebrannt ist, liegt gerade noch im sichtbaren Bereich: „Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft“. Hier kommt also, mit der Glorie eines neonfarben leuchtenden Laserstrahls, etwas Geistiges ins Spiel. Striche man sich eine Nano-Folie, die diesen Spruch trüge, unsichtbar auf die Haut, kämen dieses Geistige und der Körper mit Hilfe der Technik in einer Dimension zusammen, die gerade erst erschlossen wird – Rauch betrachtet das als Experiment mit offenem Ausgang.

Der Spruch, den er vorläufig auch auf Oblaten gedruckt zum Verzehr anbietet, steht dabei nicht für sich genommen für etwas Absolutes, auch nicht für Das Geistige an sich. Er ist zunächst ein Sternchen, ein interessant-abseitig schillerndes, hervorgebracht durch eine assoziative Erinnerungs-Recherche. Diese spürt einer Erschütterung in Rauchs Biografie nach: Als Kleinstkind verbrachte er lange Zeit in einer Eisenacher Klinik und wurde stark medikamentiert, wobei sich sein Zustand verschlechterte. Als ihn seine Mutter schließlich eigenmächtig entließ, war es ein (in der damaligen DDR) nicht zugelassener Heiler, der sich erfolgreich um die Genesung des Jungen kümmerte. Rauchs Recherchen rund um diesen Heiler führten ihn zu Bruno Gröning, einem selbsternannten Wunderheiler der Nachkriegs-BRD, der zeitweilig große Menschenmassen anzog und viel mediale Aufmerksamkeit erregte. Dieser Gröning hat den in den Wafer gebrannten Satz gepredigt.

Unmittelbar aus der persönlichen Recherche, die das Movens und das Wagnis der Ausstellung ist, stammen die Krankenhaus-Fotografien in „Paranormale Parabel“. Sie sind – vielleicht ungefähr zur Zeit von Rauchs Aufenthalt dort, jedenfalls vor der Wende – in der Eisenacher Klinik entstanden: Ein sachliches Bild von einem glänzenden Edelstahlkolben auf Stativ z.B. (evtl. eine Infusionspumpe), aber auch ein inszenierter Closeup von zwei Händen, die unter hartem Blitzlicht das Überziehen von Latexhandschuhen über einem frisch bezogenen Bett demonstrieren. Überhaupt scheint es in diesen Bildern einmal um eine Demonstration gegangen zu sein, von Hygiene vielleicht und medizinischer Professionalität. Heute und im Kontext der Ausstellung aber tritt in den Vordergrund, wie sie ein körperliches Unbehagen vermitteln: Durch ein aus der Pumpe ragendes Metallröhrchen, an das man nicht angeschlossen werden möchte, oder durch den dunklen Blitzlicht-Schatten unter den Händen, der das Bett fast verschluckt. Rätselhaft bleibt, warum der Arzt, der damals für Rauch zuständig war, die Fotos aufbewahrt hat – verstaubte Dia-Positive; den Staub hat Rauch für seine Schwarzweiß-Prints mitgescannt. Diese Prints verbindet er nun mit Katalog-Aufnahmen von luxuriösen privaten Badezimmer-Einrichtungen, die hier eine ähnlich unterkühlte Beziehung zum Körper offenbaren. Die Fotos umgibt er jeweils mit Malereien, die anmuten wie abstrakte Fotogramme und das Gewimmel des Staubs in kleinen Universen aus Lichterscheinungen fortsetzen.

Der Videofilm „The Invention“ kreist um das Freiburger Institut für Mikrosystemtechnik. Lange Einstellungen zeigen drei Männer in unförmigen Overalls, Netzhauben und Latexhandschuhen bei der Herstellung von Rauchs Gröning-Wafer in einem hermetisch wirkenden Labor; konzentriert bedienen sie Schalttafeln und Instrumente; das Kunstlicht erzeugt eine orange-gelbe, tag- und nachtlose Atmosphäre. In einer Tageslichtaufnahme ist Rauch selbst zu sehen, wie er durch einen verglasten Gang entlang einer Außenseite des Gebäudes geht. Die Architektur lässt dabei harte vertikale Lichter und Schatten im Wechsel über seinen Körper gleiten, was im Video zu dessen optischer Auflösung führt: Eine Auflösung, die das mikrosystemtechnische Institut in dieser filmischen Analyse durch seine Architektur nach Außen zu projizieren scheint.

In der aus Laborglas gefertigten Skulptur „Published Marano“ spiegeln und brechen sich die Perspektiven der Ausstellung in einer freien geometrischen Form, die Apparatur und Figur zugleich ist. Sie greift eine charakteristische Geschwulst am Hals Grönings auf und beinhaltet eine unproportional hoch aus ihr herausragende, wie der Sockel klinisch beige lackierte Leiste. Als Figur hält sie so in einer aktiven Geste einen riesigen Äskulapstab, und gleichzeitig ist sie (durchsichtig wie sie ist) von dieser Leiste durchdrungen – im Krankenhaus nennt man das eine invasive Maßnahme.

Am Ausgang der Galerie kann der Besucher zu einem nostalgisch großen und schweren, schwarzen Telefonhörer greifen und am anderen Ende Stimmen hören, die in die autobiografischen und assoziativen Bezüge der Ausstellung einführen. Vorherrschend ist eine „weibliche“ Computerstimme, die digital stockt und stolpert und zum Teil ins Buchstabieren verfällt; die Wörter sind ihr so fremd, wie Erinnerungen brüchig sind. Auch Bruno Gröning kommt zu Wort, im Tonfall aggressiv-defensiv. Und auch Rauchs eigene Stimme spielt mit, z.T. raunender als der Heiler, z.T. stellt sie sich synthetisch und nähert sich so der Computerstimme. Durch dieses Spiel der Stimmen entsteht eine faszinierte Distanz, die nicht vereinnahmt, aber den Arbeiten eine persönliche Bühne gibt. Fast sieht man Flaut Rauch dort stehen, am Apparat, wie in einem David-Lynch-Film mit sich selbst telefonierend.

Text: Jörn Peters