‘Je suis heureux’

“Je suis heureux”

Flaut M. Rauchs Installation “Je suis heureux” strahlt kühle Wissenschaftlichkeit aus,

es könnte sich um eine naturwissenschaftliche Versuchsanordnung handeln.

Auf einem kleinen, schlichten Rollwagen aus Stahl stehen fünf dunkelrote Rosen in einer

Glasvase, zur Hälfte mit einer Flüssigkeit angefüllt. Neben dem Rollwagen steht ein

Infusions-Ständer, an dem ein Richtmikrofon aufgehängt ist, das über der Vase in der

Luft schwebt und auf die Rosen gerichtet ist. Ein Monitor auf dem Boden zeigt, in ständiger

Wiederholung, ein Laborgeschehen.

Auf der unteren Ebene des Rollwagens steht technisches Gerät (DVD-Player, Lautsprecher).

Der Betrachter vernimmt ein monotones Geräusch, das mit “Knistern” nur unzureichend beschrieben wäre. Ein Text, neben der Installation angebracht, führt in die wissenschaftlichen Hintergründe ein. In biologischen Systemen, in Pflanzen, Tieren und dem Menschen, findet man Zellen, die durch Membranen voneinander getrennt sind. Zellen sind, im lebenden Zustand,

mit einer Flüssigkeit gefüllt: Wasser, angereichert mit Nährstoffen und anderem. Die im

Wasser gelösten Stoffe liegen als Ionen vor. Die Membranen, die die Zellen voneinander abgrenzen, sind semipermeabel, also durchlässig für manche Stoffe, undurchlässig gegenüber anderen. Mit der Ionen- Konzentration verändert sich der Druck in der Zelle. Liegen zwei Zellen nebeneinander, von denen eine eine geringere Ionen-Konzentration aufweist (folglich auch einen geringeren Druck), dann wird diese Konzentrations- Differenz durch einen Transfer von Wasser ausgeglichen – die Zelle mit der geringeren Ionen-Konzentration gibt Wasser an ihre Nachbarzelle ab. Das Volumen und der Zelleninnendruck der Wasser aufnehmendem Zelle steigt. Diesen Vorgang nennen

Biologen “Osmose”. Die Rosen stehen in gewöhnlichem Wasser. Dieses Wasser weist eine andere

Nährstoffsättigung auf als das Innere der Rosen. Da die Rosen ihrer Wurzeln beraubt sind, nehmen sie das Wasser ungefiltert auf, es findet ein permanenter Austausch von Flüssigkeiten statt. Das Roseninnere wird mit ionen-armem Wasser geflutet. Es entstehen Konzentrationsungleichgewichte zwischen den Zellen, die ausgeglichen werden müssen – aber nie ausgeglichen werden können, fließt doch immer neues, weniger angereichertes Wasser nach. Um die Nährstoffsättigung in den Zellen dem niedrigen Sättigungsgrad des nachfließenden Wassers anzugleichen, nehmen die Zellen immer mehr Wasser auf – mehr als eigentlich Raum vorhanden ist –, der Zelleninnendruck steigt. Sie platzen schließlich. Das Zellgewebe in der Rose wird sukzessive zerstört. Die Rosen sterben.

“Die Pflanzen verdursten im Wasser. Es scheint, als ob die Rosen an ihrem eigenen Durst ertrinken.” Flaut M. Rauch

Gemeinsam mit dem Freiburger Institut für Mikrosystemtechnik hat Flaut M. Rauch das

Sterben der Rosen hörbar gemacht. Ein Ultraschallmikrofon zeichnete das Knacken auf,

das beim Platzen einer Zelle entsteht; ein Oszillograph machte die Schallentwicklung

sichtbar. Das Video auf dem Monitor gibt einen Einblick in diese Versuche. Die rote Rose ist in der abendländischen Geschichte vielfach symbolisch aufgeladen worden. Gegenwärtig scheinen ihre Schönheit und ihr Verweisen auf die Liebe im Vordergrund zu stehen. Bei “Je suis heureux” nimmt die Rose diese Bedeutungen nur auf den ersten Blick, nur oberflächlich auf. Bei der ersten Annäherung kommt die Schönheit der Rosen sicher zum Tragen, selbst dann noch, wenn sie bereits im Verwelken begriffen sind, wird doch bei jedem Betrachter zumindest die Erinnerung an

duftende, blühende, strahlende Rosen evoziert. Der Titel (Deutsch: “Ich bin glücklich”)

unterstreicht diese Wahrnehmung zunächst. Mit dem Wissen über das Kunstwerk verändert sich die Betrachtung; war das Geräusch zunächst eher begleitend, scheint es die Wahrnehmung langsam zu dominieren. Das knisternde, knackende Geräusch und die sterile Laborästhetik evozieren alles andere als romantische Glücksgedanken. Die Auseinandersetzung mit dem Werk verschiebt

sich von der visuellen auf eine gedankliche Ebene, die noch am ehesten von Geräusch

der zerplatzenden Zellen repräsentiert wird. Die Lebenssymbolik wandelt sich in einen

Verweis auf das Sterben; das Moment des Lebens bleibt aber in einer Spannung zum

gegenwärtigen Tod erhalten. In der griechisch-römischen Antike ist die rote Rose mit einer Geschichte unterlegt, die heute in Vergessenheit geraten ist. Adonis ist Geliebter der Aphrodite, Göttin der Schönheit und der Liebe, ursprünglich Göttin des Wachsens und des Werdens. Bei

Adonis steht in diesem Kontext weniger seine heute sprichwörtliche Schönheit im Vordergrund als seine Versinnbildlichung der Natur und der Vegetation. Adonis wird von einem eifersüchtigen Liebhaber getötet, Aphrodite muss mitansehen, wie er stirbt.

Sie bettet ihn in einen Rosenhain. Das Blut des Adonis färbt die weißen Rosen rot.

(Nach einer anderen Überlieferung ist es das Blut der Aphrodite, die sich an den

Dornen der Rosen verletzt hat.) Die roten Rosen werden erhoben zum Sinnbild der den

Tod überdauernden Liebe. Die Spannung zwischen Leben und Tod wird ihnen

eingeschrieben, ist in ihnen angelegt. Diese Spannung ist auch hier gegenwärtig. Die Lebenssymbolik einer blühenden Blume ist evident; die Todessymbolik wird dagegen deutlich unterstrichen: Die Rosen sind am unteren Ende abgeschnitten (der Künstler verbirgt ihre Schnitte nicht, mit einer undurchsichtigen Vase etwa), sie sind bereits in der Verwesung begriffen, der Tod

knistert durch die Lautsprecher und ihre Labor-Umgebung ist abweisend und kalt. Die

Hoffnung der ewigen, den Tod überdauernden Liebe, die in der Antike noch aufschien

und die in der Gegenwart primärer Bedeutungsgehalt einer roten Rose zu sein scheint,

wird hier kühl übergangen, geradezu eliminiert.

“Je suis heureux” (“Ich bin glücklich”), der Titel wirkt beinahe höhnisch. Flaut M. Rauch

fügt hier den ambivalenten Spannungen von Leben und Tod, Schönheit und

Verwesung, Schönheit und Sterben eine weitere Spannung, einen neuen Widerspruch,

hinzu. Er macht den sonst stummen Todeskampf der Pflanzen hörbar, wirft ein helles

Licht auf die langsame Grausamkeit des Todes, und kommt dabei ohne pathetische

Überhöhung aus, mehr noch: Sein Werk strahlt Kühle aus, Sachlichkeit,

Wissenschaftlichkeit und Regungslosigkeit. Auf diese Weise wandelt sich der Titel von

Hohn in einen ehrlichen Aufschrei, einen Verweis auf den Künstler, den der Betrachter

sich zu eigen machen, mit dem der Betrachter sich identifizieren kann. Flaut M. Rauch

spricht im Zusammenhang mit diesem Werk von Einsamkeit; in Anbetracht des Titels

wird diese sichtbar: Der Künstler fragt nach dem Glücklichsein, nach der Präsenz des

Glücks in einer Umgebung des Todes.

“‘Je suis heureux’ soll den Zeitpunkt des Glücks aus einer anderen Perspektive

beschreiben. Es soll den ganzen Prozess des Glücklichseins in Frage stellen. Gibt es

noch glückliche Menschen?”